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Spaziergang durch das Fischerdorf Gothmund

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Spaziergang durch das Fischerdorf Gothmund

Gothmund ist ein Dorf wie aus dem Märchenbuch. Backsteinhäuser und Reetdachkaten kuscheln sich an der Trave an den Hang. Wer in dieser traumhaften Fischersiedlung lebt, will nicht mehr fort.

Stege knarren, Schilf knistert, und kleine Fischerboote mit roten, schwarzen und weißen Rümpfen schaukeln. Feiner Rauch riecht nach würzigem Holz. Irgendjemand hat seinen Ofen angeschürt. Hühner gackern, und der Wind pfeift kräftig aus Ost. Das "Wollmützenwetter" mitten im Mai erinnert daran, dass in Gothmund jahrhundertelang Menschen in enger Verbindung mit Wind und Wasser lebten. Vom Fischfang hing ihr Schicksal ab. Heute leben und arbeiten in Gothmund noch zehn Fischer, aber nur fünf von ihnen fahren mit ihren großen Kuttern weit auf die Ostsee. Früher lebten 100 Menschen im Fischerdorf, heute sind es nur noch rund 70. Die Zahl der Zugezogenen, die sich den Traum von einer Fischerkate leisten, wird größer. Mit dem Aus der "Fischerklause" vor ein paar Jahren ging auch die Besucherzahl in Gothmund spürbar zurück. Es ist ruhiger geworden.


HL_GOTHMUND_Hafen_300x200"Gegen früher ist das Dorf richtig tot", sagt Fischer Karl-Heinrich Bülk (Bild oben). Doch er bleibt frohen Mutes. Die harte Arbeit, das frühe Aufstehen nagen nicht an der Lebensfreude des 68-Jährigen: "Gute Laune habe ich immer. " Bülks Familie mütterlicherseits geht seit 200 Jahren auf Fang, Bülk selbst seit 1958. Die großen Fahrten macht er nicht mehr. Vor zwei Jahren verkaufte der Fischer seinen großen Kutter "Nordlicht" und legte sich den kleinen Kutter "Seehund" zu. Auf dem kann er allein fischen. Das Backsteinhaus Nummer 8 des Fischers, das auf dem Hang von Gothmund thront, erinnert an eine Tragödie. 1893 brannte das halbe Dorf ab, auch Haus Nummer 8. Es wurde im selben Jahr wieder aufgebaut. Gothmunder lassen sich nicht unterkriegen.

Es ist früher Nachmittag. Kaum ein Mensch ist in Gothmund zu sehen. Der Himmel verdüstert sich. Gelassen repariert Karl-Heinrich Bülk Netze. Seit vier Uhr früh ist der Fischer auf den Beinen. Weit ist er nicht gefahren mit seinem Kutter. "Bis zur Herrenbrücke", sagt er, "einmal um die Ecke zur nächsten Bucht. " Die Herrenbrücke hält zwar ihre Klappe nicht mehr, aber eine Ortsmarke bleibt sie allemal. "Weiter fahren muss ich nicht", erläutert der Fischer mit stoischer Ruhe. "Der Hering kommt mir entgegen. " An diesem Morgen sind ihm drei Zentner entgegengekommen.

Kleine Kutter, große Pötte

Dass vielen Fischern die Freude an ihrem Beruf vergangen ist, weil erträgliche Preise immer schwerer zu erzielen sind und bürokratische Regularien und Auflagen die Fischer an die Kandarre legen, kann der 68-Jährige verstehen: "Viele geben auf. " Bülk nicht. "Für mich lohnt sich die Fischerei noch. " Und mit einem sanften Lächeln sagt er bedächtig: "Ich würde immer wieder Fischer werden. Es ist mein Traumberuf. "

HL_GOTHMUND_Haas_300x200Kleine Kutter, große Pötte: Auf der Trave pflügt die Frachtfähre "Transpulp" Richtung Nordlandkai und verdeckt mit ihrer mächtigen Bordwand für kurze Zeit das Ufer von Siems. "Es gibt wesentlich mehr große Schiffe auf der Trave", betont Ingrid Haase (Bild links). "Wenn die an Gothmund vorbeifahren, zittert das Geschirr im Schrank. "

Die 58-Jährige ist in Gothmund zur Welt gekommen, lebt jetzt in der Altstadt. Doch im Fischerdorf ist sie ständig. Im Garten ihrer Eltern Mariechen und Heinz Haase, der wie die meisten anderen durch den Fischerweg vom Haus getrennt ist, legt sie ein neues Kartoffelfeld an.

Ihr Geburtshaus Nr. 18 ist eine zauberhafte Fischerkate aus dem 16. Jahrhundert, eines der ältesten Häuser Gothmunds. Heimelig wirkt die Kate, mit ihrem dicken Reetdach, der grünen Tür und den weißen Sprossenfenstern. "Seit die Fischerklause schloss, ist es hier ruhiger geworden", erzählt Ingrid Haase. Gegen ein wenig mehr Trubel im Dorf hätte sie nichts: "Eine Gastwirtschaft würde Gothmund gut tun. "

HL_GOTHMUND_Schl_300x200Erwin Schlaeger (Bild links) ist Pommer und Gothmunder. Seit 1947 lebt er in Lübeck, seit 1956 im Haus Nummer 19 in Gothmund. Er hat es 1969 eigenhändig gebaut. Die alte Fischerkate, die dort zuvor stand, hatte das Dorf ein Jahr zuvor "verlassen". Seither zieht die Kate im Freilichtmuseum Molfsee bei Kiel bewundernde Blicke auf sich. Der 80-jährige Schlaeger möchte sein Dorf an der Trave nicht missen: "Ich wohne hier ruhig und zufrieden. " Aber auch er blickt zuweilen skeptisch auf die Trave, wenn die dicken Pötte kommen. Die Erschütterungen des Hauses und Risse in den Wänden sind für ihn ein Beleg dafür, dass "die Schiffe für die Trave zu groß werden".

Doch er selbst zeigt sich nicht erschüttert, auch nicht vom Wetter. Schlaeger holt "den Rasenmäher aus dem Winterschlaf" und eröffnet die Gartensaison - während der kalte Wind das Travewasser über den Steg drückt. (Text: Torsten Teichmann, Fotos: Ulf-Kersten Neelsen)

Wissenswert

Die Gothmunder Fischer wurden erstmals im Jahr 1502 in einem Protokoll der Lübecker Ratsversammlung erwähnt. 1585 erhielten sie in der ersten allgemeinen Fischereiordnung eigene Rechte.
Die Siedlung diente ursprünglich als Zwischenstation, um den von der Ostsee kommenden Fischern die lange Rückreise auf der Trave zu den Lübecker Häfen abzukürzen. Der natürliche Schutzhafen Gothmunds ist durch einen Schilfgürtel von der Trave abgetrennt. Die Fischerhäuser Nummer 10 bis 18 am Fischerweg stehen unter Denkmalschutz.

 

 

26.05.2010, PK

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