Genau hingehört
Wiendorfer läuten die Glocke jeden Sonnabend um 18 Uhr, und das seit 13 Jahren -
Es ist wie mit dem Murmeltier. Ein immer wiederkehrendes Ereignis beschäftigt die Menschen. In Wiendorf ist es aber nicht ein Tier, sondern eine Glocke. Die Glocke im Herzen des Dorfes. Seit fast 13 Jahren läutet sie am Sonnabend um 18 Uhr das Wochenende ein. Es ist zwar nicht das Riesenspektakel, wie das mit dem Murmeltier, das jedes Jahr im Februar in den USA das Wetter bestimmen soll, es ist aber eine Prozedur, nach der die Menschen schauen. Sie erwarten es förmlich, weil es zu ihrer Gemeinde dazugehört und schauen auch auf die Uhr, wenn die Glocke nicht pünktlich um 18 Uhr erklingt.
Eine, die genau weiß, wovon gesprochen wird, ist Grudrun Olschewski. Die 58jährige gebürtige Sachsen-Anhaltinerin ist verantwortlich dafür, dass die Glocken in der Wiendorfer Kirche 1997 das erste Mal an einem Sonnabendabend zu hören waren. „Wir haben hier ein Jahr zuvor geheiratet und wollten gerne, dass die Glocken bewegt werden. Doch das ging nicht, weil die Aufhängung kaputt war. Von diesem Zeitpunkt ließ mich dieses Thema nicht mehr los“, sagte sie.
Gesagt, getan, zusammen mit vielen Freunden und Verantwortlichen der Gemeinde ging sie auf Spurensuche. Wie kann das Problem gelöst werden? Eine Spezialfirma war schnell gefunden, die hatte ihren Sitz in Bayern. Zudem musste Geld her. Der Landkreis Bad Doberan und das Land Mecklenburg-Vorpommern steuerten fast 7000 DM bei, es fehlten aber noch knapp 3000 DM. „Das ist echt so gewesen. Ich bin von Tür zur Tür gegangenen und habe Geld gesammelt“, so Gudrun Olschewski. Am Ende mit einem sensationellen Ergebnis. Die Bürger spendeten insgesamt 2426,50 DM. Den Rest übernahm das Amt. Die Reparatur konnte realisiert werden. Die zwei Glocken und die Aufhängung gingen auf die Reise in den Süden und „erstrahlten anschließend in noch schönerem Glanz“.
Für Gudrun Olschewski war damit ihre Mission aber noch nicht erfüllt. Sie kam aus einer Bauernfamilie. Dort war es üblich, dass man am Sonnabend um 18 Uhr die Arbeit auf dem Feld einstellte und ins Wochenende ging. „Warum sollte das bei uns nicht mit dem Glockengeläut verbunden werden. Es wäre schade gewesen, wenn man sie nur einmal im Monat zum Gottesdienst hört.“
Der Pastor hatte nichts dagegen und von da an brachte Gudrun Olschewski die Glocken jeden Sonnabend um die gleiche Zeit in Wallung. Sie fühlte sich fast wie das Murmeltier und hatte viel Spaß an dieser Aufgabe. Fast zehn Jahre lang machte sie das, fast ohne Unterbrechung. Ob zu Silvester, zu Weihnachten, am Geburtstag oder bei Wind und Wetter – am Sonnabend um 18 Uhr hatte sie nur einen Job, und den machte sie mit Leidenschaft und Liebe.
Die Wiendorfer fanden es gut, auch heute noch, wo der Kirchendiener die Tradition aufrechterhält. „Dieser Vorgang, dieses Glockenspiel, das immer fünf Minuten geht, gehört einfach zu Wiendorf. Deshalb bin ich noch heute stolz darauf, dass wir damals die Idee umgesetzt haben“, sagte Gudrun Olschewski. Und wer weiß, vielleicht übernimmt sie irgendwann wieder einmal die Betreuung der Glocken. Abgeneigt ist sie jedenfalls nicht.
16.03.2010, DB
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