Wenn die Bischöfin ihr Handy stumm schaltet
Kirsten Fehrs zu Besuch bei der Lübecker Telefon-Seelsorge. 70 Anrufe pro Tag nehmen die Ehrenamtlichen entgegen.
Die Räume sind ihr fremd. Es ist der erste Besuch bei der Lübecker Telefon-Seelsorge für Kirsten Fehrs, Bischöfin des Sprengels Hamburg-Lübeck. Im Untergeschoss klingelt kein Telefon - das geschieht zwei Stockwerke höher. Kirsten Fehrs schaltet ihr Handy auf lautlos. Dann geht es los: Ehrenamtliche berichten über ihre Arbeit. 98 Mitarbeiter sind sie, im Alter von 23 bis 78 Jahren. 24 Stunden lang ist die Leitung besetzt.
„Nachtgesicht der Kirche“
Pastorin und Leiterin Marion Böhrk-Martin beschreibt die Arbeit als „Nachtgesicht der Kirche“. „Wir sind immer da für Gespräche, zu jeder Uhrzeit.“ 70 Gespräche pro Tag - der Bedarf ist enorm. Mit Hilfe der Possehl-Stiftung steht bis Ende des Jahres eine zweite Leitung. „So können im Jahr rund 3000 mehr Gespräche geführt werden“, sagt Marion Böhrk-Martin. Wie es im kommenden Jahr weitergehen wird, steht noch nicht fest. Das hänge auch von der Zahl der ehrenamtlichen Mitarbeiter ab. Als „wichtiges Engagement für die Gesellschaft“ bezeichnet Kirsten Fehrs die ehrenamtliche Arbeit.
Nicht "mit Ratschlägen zupflastern"
„Die Telefon-Seelsorge fängt eine Menge ab“, sagt sie. Die Bischöfin weiß, wovon sie spricht. Ängste, Nöte, Probleme sind ihr nicht fremd. „Ich habe viele Seelsorge-Bereiche von der Pike auf gelernt.“ Sie war in Krankenhäusern, arbeitete mit Obdachlosen oder auch Strafgefangenen. „Es ist gut, dass es Räume der Verschwiegenheit gibt.“ Die besagten Räume sind im zweiten Obergeschoss: Eine ehemalige Küsterwohnung, die für die Telefon-Seelsorge umgebaut wurde. In zwei Zimmern stehen zwei Schreibtische und zwei Telefone - mehr braucht es nicht, um anderen zu helfen. Dort sitzt öfter Horst Mevius. Er ist der Dienstälteste, nimmt seit 1972 freiwillig Telefonate entgegen. Zuhören und sprechen, das sei das Erfolgsrezept. „Man darf keinen mit Ratschlägen zupflastern“, weiß der 77-Jährige. Egal, welches Jahrzehnt - vor allem über Ehe- und Partnerprobleme wollen die Anrufer reden. „Viele haben auch Angst vor der Arbeitslosigkeit“, sagt Hartmut Jeske, Vorsitzender des Mitarbeiterausschusses. Für ihn habe sich sein Leben verändert, er sei nun dankbarer. Die Bischöfin Kirsten Fehrs fällt dazu sofort das Wort Demut ein: „Auch wenn es völlig altmodisch klingt, finde ich es passend.“ (Text und Foto: Nina Holley)
Telefon-Seelsorge: Die kostenfreie Rufnummer ist unter 08 00/111 01 11 oder 08 00/111 02 22 zu erreichen.
Foto oben: Pastorin und Leiterin der Telefon-Seelsorge Lübeck Marion Böhrk-Martin (l.) informierte Bischöfin Kirsten Fehrs über die Arbeit.
04.02.2012, PK
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