Frauke Eiben, Pröpstin des Kirchenkreises Lübeck-Lauenburg, im Interview
Pröpstin des Kirchenkreises Lübeck-Lauenburg äußerte sich zu den Themen Beerdigung „zweiter Klasse“, Kircheneintritte, Service-Gedanke und zum Umgang mit Leuten der rechten Szene.
Ratzeburg - Unlängst ereignete sich ein Fall im Herzogtum Lauenburg, dass ein Witwer seine verstorbene Frau in der Kirche aufbahren lassen wollte, damit sich die Trauergäste dort von ihr verabschieden konnten. Der Pastor der Gemeinde verweigerte jedoch diesen Wunsch, weil die Frau aus der Kirche ausgetreten war. Darüber war der Mann mehr als betrübt und bezeichnete die Beerdigung als eine „zweiter Klasse“. Wir sprachen mit Pröpstin Frauke Eiben über den „Service-Gedanken“ und die „Dienstleistungen“ der Kirche.
Kommt man grundsätzlich nur als Kirchenmitglied in den Genuss von Taufe, Konfirmation oder Kommunion, Eheschließung und Beerdigung? Frauke Eiben: In den „Grundlinien für das kirchliche Handeln“ der Nordelbischen Kirche heißt es, „Wer durch Austritt seine Mitgliedschaft aufgibt, muss darüber informiert werden, dass sich aus seiner Entscheidung Konsequenzen für diese Rechte und Pflichten ergeben.“ So verliert man damit das kirchliche Wahlrecht, das Patenrecht und das Recht, Amtshandlungen der Kirche in Anspruch zu nehmen.
Aber widerspricht eine Verweigerung beispielsweise der Aufbahrung im Gottesgebäude nicht der Grund- und Wertehaltung der christlichen Kirche? Eiben: Sicherlich stehen wir in einer Spannung, einerseits den Unterschied zwischen Mitgliedschaft und Nichtmitgliedschaft nicht aufzuheben oder zu verwischen und andererseits dem einladenden, seelsorgerlich entgegenkommenden Handeln der Kirche. Aber da sich die Frau bewusst zum Austritt entschlossen hatte, müssen wir ihren Wunsch auch respektieren und dürfen ihn nicht in Frage stellen. Insofern ist die Entscheidung des Pastors - in Absprache mit mir und dem Kirchenvorstand - konsequent, aber keineswegs eine ,Strafe? für den damals erfolgten Kirchenaustritt.
Die Familie - alle anderen sind Mitglieder der Kirche - verstehen sich von ihr allein gelassen. Eiben: Wir lassen niemanden alleine. Im konkreten Fall war der Pastor im Rahmen der Notfallseelsorge - die seit Jahresbeginn übrigens rund um die Uhr erreichbar ist - ohnehin ganz nahe an der Familie und hatte den Hinterbliebenen auch die Aussegnung im Haus, die Begleitung zum Friedhof und eine Andacht in der Kirche angeboten.
Gibt es Ausnahmen von der Regel? Eiben: Durchaus. Wie gesagt, besprechen wir solche Situationen gemeinsam in einer Runde. Da kann in begründeten Einzelfällen von der Regel abgerückt werden. Oder wenn noch nicht getaufte oder konfirmierte Kinder sterben, werden sie selbstverständlich kirchlich beerdigt. Oder bei Hochzeiten, wo der/die eine in der Kirche ist und der /die andere nicht oder einer anderen Konfession angehört, werden dann andere Formulierungen bei der Trauzeremonie benutzt. Beerdigungsfeiern sind zudem auch in kommunalen Kapellen möglich.
Der Service-Gedanke wird in heutiger Zeit groß geschrieben. Inwieweit ist auch Kirche eine Dienstleisterin? Eiben: Zunächst einmal sind Kirchenmitglieder keine Kunden, sondern Teil des Ganzen, sie gehören zur Kirche, machen Kirche aus. Aber so wie wir für unsere Mitglieder da sind, hat das schon einen gewissen Dienstleistungscharakter. Beispielsweise informieren wir vielfältig - heute auch verstärkt über das Internet - über die kirchlichen Amtshandlungen. Wir gehen weitgehend auf die individuellen Wünsche der Leute bei Taufen oder Hochzeiten ein. Das bedeutet oftmals viel zusätzliche Arbeit für den jeweiligen Pastor.
Ist es nicht frustrierend, wenn die Leute so großen Wert auf die auch gesellschaftlich wichtigen Zeremonien wie Taufe, Konfirmation oder Hochzeit legen, sich ansonsten aber nicht oder kaum um kirchliche Angelegenheiten kümmern? Eiben: Wenn die Leute nur zu Weihnachten in die Kirche gehen, dann ist es eben so. Wir respektieren das. Das ist schließlich kein Gradmesser dafür, wie gläubig ein Mensch ist.
Man hört stets von Kirchenaustrittswellen. Kommt es heute eigentlich auch noch zu Kircheneintritten? Eiben: Mehr als Sie denken. Ich habe zwar aktuell keine konkreten Zahlen, aber zweimal im Monat bekomme ich eine Eintritts-Mappe, in der zahlreiche Begrüßungsschreiben an neue Mitglieder liegen, die ich unterschreiben muss. Eintrittsgründe sind dabei oft besondere einschneidende Lebenssituationen, Hochzeiten genau wie Krankheiten oder Unfälle, aber auch Umzüge, Mitgliedschaft im Kirchenchor oder der Eintritt in ein Arbeitsverhältnis bei der Kirche.
In den 1990er Jahren kam ein Hamburger Pastor auf die Idee einer „Church Card“, die nach dem Vorbild einer ADAC-Karte ihren Mitgliedern Vorteile verschaffte - etwa für Eltern bei der Suche nach einem Kindergartenplatz oder für Senioren im Altenheim. Eiben: Das brauchen und machen wir nicht. Wenn wir wie beim Kindergarten kommunale Aufgaben erfüllen, bezahlen alle Eltern das gleiche Geld. Allerdings ist das Fund Raising ein kreatives Thema, wo wir überlegen, wie und wen wir ansprechen. Das können Mitglieder und Nicht-Mitglieder sein, etwa für Projekte wie Renovierung der Dorfkirche oder Restaurierung der Orgel.
Themenwechsel. Die Synode des Kirchenkreises hat gerade eine Erklärung abgegeben, in der sie den Protest und das gewaltfreie Engagement gegen Rechtsextremismus unterstützt. Inwieweit sollte sich Kirche in gesellschaftspolitische Angelegenheiten einmischen? Eiben: Man muss keine parteipolitischen, wohl aber politische Themen aufgreifen. In diesem Fall, dem Engagement gegen Rechtsextremismus, liegt es auf der Hand. Jene gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, die Ausgrenzung und der Rassismus widersprechen in allem dem christlichen Menschenbild.
Sie sind selbst Opfer der rechten Schmierereien gewesen. Haben Sie Angst vor diesen Menschen? Eiben: Nein, keine Angst, eher Wut und Verärgerung. Ich lasse mich nicht einschüchtern und mache künftig genauso weiter auf unserem Weg. Es ist übrigens schön, dass sich nach der Zwickauer Zelle und diesen Schmierereien in Ratzeburg eine so breite Mehrheit aufgestellt hat - von politischen Gremien, aus Vereinen und Verbänden, von Kulturschaffenden und nun auch sehr vielen Menschen aus der bürgerlichen Mitte, die sich in der Vergangenheit oft gescheut hatten, gemeinsam mit Linken und Antifa aufzutreten.
Hatten Sie schon einmal eine offene Konfrontation oder Diskussion mit Leuten der rechten Szene? Eiben: Es gab kurze Gespräche, allerdings situativ. Einmal hatte ein Protagonist um ein Gespräch nachgefragt, auch einen Termin abgemacht. Dann ist er aber doch nicht gekommen.
(Interview und Foto: Joachim Strunk)
Amtshandlungen im Kirchenkreis
Zu den Amtshandlungen in der Evangelisch-Lutherischen Kirche gehören die Taufe, die Konfirmation, die Trauung und die Beerdigung. Die jüngsten Zahlen stammen aus dem Jahr 2010.
Getauft wurden in diesem Jahr im gesamten Kirchenkreis 1521, im Bezirk Lauenburg 753 Menschen.
Konfirmiert wurden 1953/1062 junge Menschen.
Getraut wurden 422 beziehungsweise 183 Paare.
Beerdigt wurden 2246/1148 Menschen.
Gemeindeglieder hat der gesamte Kirchenkreis 188 693, davon 88 623 im Herzogtum.
Neuaufnahmen in den Kirchenkreis gab es 2010 genau 321, Austritte 1303.
14.02.2012, PK
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