Die heiligen Stars aus dem Mittelalter
Die Sammlung mittelalterlicher Altäre im Lübecker St. Annen-Museum ist weltberühmt. Eine Zeitreise.
In die Kunsthalle nebenan, sagt die Frau, die bei den sakralen Bildwerken Aufsicht führt, da kämen die Leute hin. Aber hier sei nicht viel los. Es ist der Vormittag eines Werktags, und in den Räumen im Erdgeschoss des St. Annen-Klosters ist die Frau allein mit sich und den Kunstschätzen. Sie sitzt auf einer Bank und sortiert Faltblätter, und um sie herum wartet die größte und bedeutendste Sammlung mittelalterlicher Flügelaltäre in Deutschland auf Besucher.
Detail aus dem Marienaltar (um 1525): die heilige Barbara.
Fremdes Mittelalter
Das Mittelalter, also die Zeit bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts, erscheint uns Heutigen fremd: Alles, was die Menschen dachten und taten, war durchdrungen von christlicher Religiosität. Ihre größte Sorge galt nicht ihrem Leben, sondern der Zeit danach, der Ewigkeit. Man könnte es dabei bewenden lassen, mit dem Kopf schütteln und die Zeit vor 1500 vergessen. Doch wie könnten wir eine Zeit vergessen, die unseren Alltag noch immer prägt - in Ortsnamen, in Redewendungen und vor allem: in der Gestalt unserer Innenstädte und der unzähligen Kirchen überall im Land? Wenn wir versuchen, das Denken und Empfinden der mittelalterlichen Menschen zu verstehen - dann sind die Altäre im St. Annen-Museum eine große Hilfe.
Das Leben ein Film
einen guten Spielfilm sieht, der empfindet Mitgefühl, Liebe, Abscheu oder Hass für die Figuren in diesem Film, obwohl sie erfunden sind. Manche verwechseln sogar Film und Wirklichkeit. Die Menschen des Mittelalters lebten ihr ganzes Leben in einem Film, in dem die Heiligen genauso wirklich waren wie sie selbst. Sie waren das, was für viele Menschen heute die Stars sind: halb wirkliche, halb mythische Gestalten. In den Heiligenlegenden und -bildern verschwimmen Himmel und Erde, Heiliges und Alltägliches, Jenseits und Diesseits ineinander.
Kerckring-Altar (Jacob von Utrecht, 1520).
Leiden und Tod Christi
Die Altäre dienten der Anbetung Gottes und der Heiligen - doch sie erzählen auch Geschichten und laden den Betrachter geradezu ein, sie fortzuspinnen und eigene zu erfinden. Das beste Beispiel dafür ist der Altar, den der Maler Hans Memling aus Brügge 1491 für die Lübecker Kaufmannsfamilie Greverade anfertigte. Er zeigt Leiden und Tod Jesu Christi.
Fromm - und erotisch
Vor dem Kreuz kniet Maria Magdalena, die wichtigste der Anhängerinnen Jesu. Sie blickt mit erhobenen, gefalteten Händen empor, Tränen fließen über ihr schönes Gesicht. Sie trägt ein enganliegendes Kleid, das ihre Figur stark zur Geltung bringt. Im Mittelalter stellte man sich Maria Magdalena als reuige, ehemalige Prostituierte vor. Hans Memling erschuf aus dieser Legende eine fromme Gestalt mit außergewöhnlicher erotischer Ausstrahlung.
Kinder im Mittelalter: Detail aus dem Gertrudenalter (1509).
Ein Möchtegern-Star?
Was aber hat es mit dem Mann auf sich, der den geschundenen Jesus mit anmutig tänzelndem Schritt am Strick hinter sich herzieht, während der sein Kreuz durch die Menschenmenge trägt? Er ist gutaussehend und elegant gekleidet mit hohen, enganliegenden Stiefeln, einem breiten Gürtel und einem kunstvoll gewundenen Turban. Vielleicht wäre er gern ein Star. Frech und herausfordernd scheint er den Betrachter direkt anzublicken. Bei der Kreuzigungsszene taucht er wieder auf - in einer Gruppe von vier Männern beim Würfelspiel. Sein aufmerksamer Blick geht über die Männer hinweg und fällt auf Maria, die trauernde Mutter, die zusammengesunken dasitzt und den Kopf zur Seite neigt. Ist es der Augenblick, in dem ihm bewusst wird, woran er sich beteiligt hat?
Ein Superstar
Maria, die Muttergottes, war der Superstar unter den Heiligen des Mittelalters. In der Bibel steht nicht viel über sie, dafür aber umso mehr in unzähligen Legenden aus späterer Zeit. Aus der Randfigur des Neuen Testaments wurde der Mittelpunkt einer zusammenphantasierten Großfamilie - ein beliebtes Motiv für Altäre.
Alltagsszenen
Der Gertrudenaltar, ein Schnitzwerk von 1509, fügt die heilige Gertrud in diese Familie ein. Verglichen mit offiziellen Familienfotos heutiger Königshäuser wirkt dieses Sippenporträt ausgesprochen locker. Marias Halbschwester Maria Kleophas stillt ein Kind, während drei weitere zu ihren Füßen herumwuseln: Eins saugt an einer Nuckelflasche, wie sie im Mittelalter üblich war, eins löffelt Brei aus einem Topf, und eins reitet ein Steckenpferd. Es sei die erste Darstellung eines Steckenpferds in der Kunst, sagt Bettina Zöller-Stock, Leiterin des Museums. Überhaupt war es üblich, die Heiligen und die sie umgebenden Menschen in zeitgenössischer Kleidung und mit zeitgenössischen Gegenständen abzubilden. Auf den gemalten Altären sind im Hintergrund viele Alltagsszenen aus dem Mittelalter zu sehen: ein Landarbeiter, der einen Sack schultert, eine Wassermühle, Männer bei der Feldarbeit.
Trauernde Maria Magdalena (Detail aus dem Memling-Altar,1491).
Letztes Aufbäumen
Die Reformation war auch für die Kunst ein Einschnitt. Die alten Altäre wurden zwar nicht zerstört, aber in der neuen, protestantischen Kirchenkunst war nur noch erlaubt, was in der Bibel stand. Die Zeit der Heiligenlegenden war vorbei. 1531 siegte die Reformation in der Hansestadt Lübeck - nach langem Widerstand des Rates. Um 1525 ließ der Rat noch einmal einen gewaltigen, prächtigen Schnitzaltar zu Ehren der Muttergottes anfertigen - mit einem großen Aufgebot von Heiligen, wie ein letztes Aufbäumen des alten Glaubens. Jeder Heilige hatte sein Erkennungszeichen: Die Märtyrerin Katharina Barbara zum Beispiel trägt das Schwert, mit dem ihr eigener Vater sie enthauptete, und steht neben einem Turm, der ihre Standfestigkeit symbolisiert. Der Kirchenvater Hieronymus sitzt in der Studierstube mit einem Löwen, den er selbst gezähmt hat. Christophorus trägt das Christuskind auf der Schulter und ächzt unter der Last der Welt, die er damit auf sich geladen hat.
Allgegenwärtige Symbole
Jeder Gläubige kannte diese Symbole. Sie waren so allgegenwärtig wie heute die Gesichter der Stars in den Medien. Die Altäre standen in Kirchen und Kapellen. Manche waren für alle zugänglich, andere nur für die Eigentümer in ihren Privatkapellen. Die Darstellungen auf den besonders prächtigen Innenseiten der Flügelaltäre waren nur an Festtagen zu sehen. Doch die Heiligen waren immer gegenwärtig. Ihnen erzählten die Menschen ihre Leiden, ihre Sorgen, bei ihnen suchten sie Beistand. Jetzt stehen die Stars des Mittelalters im Museum. Es ist still um sie geworden. Aber sie haben viel zu erzählen aus ihrer großen Zeit. Wir müssen nur zuhören. (Text: Hanno Kabel, Fotos: Lutz Roeßler (3), Fotoarchiv HL (2))
Sensationelle Neuerwerbung
Bis zum 19. Februar ist im St. Annen-Museum der Gavno-Altar von Jacob Claesz van Utrecht ausgestellt, den die Hansestadt Lübeck für 900 000 Euro ersteigert hat (LN berichteten). Der Maler, der aus den Niederlanden stammte und in Lübeck lebte, fertigte den Altar um 1520 im Auftrag des Lübecker Bürgermeisters Hermann Plönnies. Im Zentrum steht die Szene, in der ein Engel Maria die Ankunft des Heilands verkündet. Die Experten bezeichnen den Altar als die bedeutendste Neuerwerbung Lübecks seit zehn Jahren. Ein weiteres Werk des gleichen Künstlers, der Kerckring-Altar, ist seit 1991 im Besitz des Museums. Der Gavno-Altar wird bis zum Herbst restauriert und wird dann in der Dauerausstellung zu sehen sein.
Foto ganz oben: Große Kunst in alten Klostermauern - vorn der Maria-Magdalenen-Altar von 1519. Der Legende nach verbrachte die Heilige die letzten 30 Jahre ihres Lebens in der Wüste. Ihre Kleider zerfielen, und ihre Haare bedeckten den Körper.
14.02.2012, PK
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