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Die Stimme aus Friedrichsruh

Kultur

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Die Stimme aus Friedrichsruh

Ein Sensationsfund lässt aufhorchen: Man hört Otto von Bismarck - mit der Marseillaise.

 

Friedrichsruh - Über Friedrich II. war dieser Tage anlässlich seines 300. Geburtstages viel zu hören - doch nun sorgt ein anderer Preuße für Aufregung: Otto von Bismarck, seit 1862 erst preußischer, ab 1871 bis 1890 dann auch deutscher Kanzler, erhebt 114 Jahre nach seinem Ableben auf seinem Gut in Friedrichsruh zwischen Lübeck und Hamburg buchstäblich seine Stimme.

Tonmitschnitt von 1889

Mitarbeiter des Edison-Archivs in New Jersey nahe New York veröffentlichten einen verschollen geglaubten Tonmitschnitt aus dem Herbst 1889, in dem der vielleicht wichtigste deutsche Staatsmann des 19. Jahrhunderts eine Walze jener „Tonmaschine“ besprach, die der US-Erfinder Thomas Alva Edison zwölf Jahre zuvor konstruiert und per Patent gesichert hatte.

Die „bedeutendsten Stimmen der Welt“

Edison hatte 1889 mit einigen Mitarbeitern - darunter der Deutsch-Amerikaner Theo Wangemann - auf der Weltausstellung in Paris die Idee gehabt, seinen Phonographen mit Aufnahmen von den seinerzeit „bedeutendsten Stimmen der Welt“ zu promoten. Eine davon sollte die eines populären Politikers jener Zeit sein: Otto von Bismarck, der Wangemann am 7. Oktober 1889 in Friedrichsruh empfing. Zunächst lauschten der greise Kanzler und seine Frau begeistert mitgebrachten Tonaufnahmen, die die Wachs-Walzen zu Gehör brachten, darunter die Stimmen der jungen Preußen-Prinzen, die - anders als ihr Vater, der noch junge Kaiser Wilhelm II. - munter auf die Walzen gesprochen hatten.

„Soundtrack of History“

Dann ergriff Bismarck selbst das Wort - und deklamierte gleich in vier Sprachen erst das damals populäre US-Volkslied „In good old colony times“, dann ein paar Zeilen des Uhland-Gedichts „Als Kaiser Rotbart lobesam“, auf Latein folgte der Studentenhit „Gaudeamus igitur“ und schließlich - große Überraschung - auf Französisch der Auftakt der Marseillaise. Das war „sicher nicht nach dem Geschmack der Mehrzahl seiner Verehrer“, mutmaßte die Bismarck-Stiftung über diese „Sensation in der Sensation“ - schließlich galt Frankreich als Erzfeind, obwohl der nüchterne Bismarck von solchen Verdikten wenig hielt. „Bismarck war ein sehr, sehr geistreicher Mann“, kommentierte Bismarck-Biograph Jonathan Steinberg in der „New York Times“ diesen „soundtrack of history“, den der deutsche Wissenschaftler Stephan Puille von der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft und US-Kollege Patrick Feaster nach dem Fund in einer Holzkiste im Edison-Anwesen mit neuester Technik jetzt rekonstruierten.

Die Rolle war verschwunden

„Das ist der größte Fund meiner Laufbahn“, zeigt sich Puille vom zwar durch starkes Rauschen gestörten, aber doch vernehmbaren Bismarck ergriffen. Dass der wirklich spricht, geht aus den zitierten Werken hervor - die waren wie auch Wangemanns Besuch dokumentiert. Nur die Rolle war verschwunden beziehungsweise mangels passender Technik lange nicht identifizierbar. Bismarck-Urenkel Ferdinand zeigte sich von dem Fund überrascht, reagierte aber schnell: „Es wäre doch sensationell, wenn diese historische Aufnahme in die Otto-von-Bismarck-Stiftung überführt werden könnte.“

Moltke zitiert aus "Faust"

Aber noch eine Stimme spricht da aus Preußens glorreicher Vergangenheit: Auch der aus Mecklenburg stammende Generalfeldmarschall Helmut von Moltke zitierte aus dem „Faust“ auf Wangemanns Walze. „Die einzige Stimme eines im 18. Jahrhundert geborenen Menschen, die wir heute noch hören können“, begeistert sich Restaurator Puille. Moltke wurde im Jahr 1800 geboren, „da passt er gerade noch in dieses Jahrhundert hinein“, attestiert großzügig die Online-Ausgabe von „The Atlantic“. Die Geschichte muss nun aber nicht umgeschrieben werden. Höchstens in einer Kleinigkeit: Eine von einigen Zeitgenossen Bismarck zugeschriebene Fistelstimme ist in all dem Rauschen von dem massigen Reichsgründer nicht zu hören. (Text: Michael Wittler, Foto: Maxwitat)

04.02.2012, PK

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