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Ein Verkündigungsaltar kehrt heim nach Lübeck

Kultur

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Ein Verkündigungsaltar kehrt heim nach Lübeck

Glücksfall für Lübeck: Ein Verkündigungsaltar aus dem frühen 16. Jahrhundert ist - unter abenteuerlichen Umständen - zurückgekehrt.

 

 

Lübeck - Es kommt nicht alle Tage vor, dass Lübeck rund 900 000 Euro für ein Kunstwerk ausgeben kann. Schon deshalb ist der Erwerb des so genannten Gavno-Retabels, um 1520 von dem in Lübeck wirkenden Künstler Jacob Claesz van Utrecht gemalt, eine spektakuläre Angelegenheit. Für das St. Annen-Museum ist das Triptychon von unschätzbarem Wert, bereichert und ergänzt es doch die Sammlung kirchlicher Kunstwerke des Mittelalters in Lübeck. Wie es dazu kam, ist allerdings ebenfalls bemerkenswert.

Viel Telefoniererei

Thorsten Rodiek, Direktor der Lübecker Museen für Kunst und Kulturgeschichte, erhielt an einem Freitag Anfang Juli vergangenen Jahres eine Mail vom Londoner Auktionshaus Christie‘s. Es waren einige Hürden zu überwinden - so ließen sich die angehängten Fotos nicht öffnen - bis Rodiek die Bedeutung der Nachricht ermessen konnte: Das Gavno-Retabel, das seit Jahren als verschollen galt, sollte am folgenden Dienstag in London versteigert werden. „Dann ging die Telefoniererei los“, sagt Rodiek - er musste innerhalb weniger Tage sehr viel Geld beschaffen. Die Sache ging gut aus. Zum einen wartete eine Erbschaft: Ein Mäzen hatte der Kulturstiftung Lübeck eine größere Summe vermacht mit der Auflage, das Geld für den Erwerb alter Kunst zu verwenden. Zum anderen signalisierte die Kulturstiftung der Länder Bereitschaft, sich zu beteiligen.

„Etwas mulmig"

Der in London lebende Kunsthändler Rainer Zietz hob bei der Versteigerung im Auftrag Lübecks in London die Hand. Rodiek verfolgte das Geschehen am Telefon. „Wir hatten eine Obergrenze“ sagt er. Als die Summe - der Schätzwert des Altars lag bei 100 000 bis 150 000 Pfund - immer mehr in die Höhe schnellte, sei ihm schon „etwas mulmig gewesen“.

Gestern wurde das gute Stück bei der Jahrespressekonferenz der Museen stolz präsentiert. Schleswig-Holsteins Kulturminister Ekkehard Klug war voll des Lobes für die „große Gemeinschaftsleistung“. Und Martin Hoernes von der Kulturstiftung der Länder, die ein Drittel zum Erwerb beigesteuert hat, sagte über die bedeutendste Erwerbung Lübecks der vergangenen zehn Jahre: „Ein wichtiges Objekt ist an den Platz zurückgekehrt, an dem es seine größte Strahlkraft entfaltet.“

Ein Kleid aus feinstem Brokat

„Das Objekt“ ist ein Flügelretabel - ein Altaraufsatz. Der aus den Niederlanden stammende und in Lübeck wirkende Künstler Jacob Claesz van Utrecht (um 1478 bis nach 1530) schuf es in Lübeck um das Jahr 1520 herum. Der aus Westfalen stammende Ratsherr und Bürgermeister Hermann Plönnies hat es wohl in Auftrag gegeben. Auf der mittleren Tafel ist eine Verkündigungsszene dargestellt - Hinweis auf den Kinderwunsch von Plönnies und dessen Frau. Durch ein Fenster sieht man eine Stadt, die in der Region südlich der Alpen zu liegen scheint. Auf der linken beziehungsweise der rechten Tafel knien der Ratsherr Hermann Plönnies und seine Ehefrau. Im Hintergrund: die Heiligen Matthäus beziehungsweise Katharina. Das der Spätgotik/Frührenaissance zuzuordnende Triptychon ist auch ein Zeugnis bürgerlichen Wohlstands. Die heilige Katharina trägt ein Kleid aus feinstem Brokat, Ida Greverade ein kunstvoll plissiertes rotes Gewand, das mit Hermelin abgesetzt ist. Die Zeit der Entstehung lässt sich recht präzise angeben - Ida Greverade starb im Jahr 1522.

Ursprünglich in der Marienkirche?

Es wird angenommen, dass der Altar, der letzte im St. Annen-Museum aus Lübecks katholischer Zeit, seinen Platz ursprünglich in der Marienkirche hatte. In den Wirren der Reformation wurde er dort vermutlich abgebaut. Lange befand sich das Retabel im Besitz des dänischen Kunstsammlers Otto Tagesen Thott, nach dem Herrensitz der Familie wird er bis heute auch Gavno-Altar genannt. Thott ließ das Kunstwerk bei Christie‘s in London versteigern - es ging an einen Erwerber wiederum in Dänemark. Seither galt der Altar als verschollen - bis er im Juli vergangenen Jahres erneut bei Christie‘s angeboten wurde. Bis zum 19. Februar kann der Altar im St. Annen-Museum besichtigt werden. Dann nehmen sich Restauratoren seiner an. Ab Herbst soll er dann - mit noch größerer Strahlkraft - Bestandteil der neuen Dauerausstellung werden. (Text: Liliane Jolitz, Foto: Lutz Roeßler)


Museen blicken zurück und nach vorn


Im Herbst soll der Umbau des Obergeschosses des St. Annen-Museums abgeschlossen sein. 25 Räume sind dann Epochen oder Themen gewidmet wie Repräsentation, Festkultur, Arbeitswelt und Mode, Musik und Kunst.

Im Günter Grass-Haus wird die Dauerausstellung überarbeitet. Anlass sind der 85. Geburtstag des Literaturnobelpreisträgers und das zehnjährige Bestehen des Hauses im Oktober.

266 010 Gäste haben die Lübecker Museen im Jahr 2011 besucht. Das sind rund 15 000 Besucher weniger als im Vorjahr (280 844 Besucher) - ein Rückgang um fünf Prozent. Begründet wird er vor allem mit der Schließung der Katharinenkirche (minus 55 Prozent gegenüber dem Vorjahr) und dem Umbau des St. Annen-Museums (minus 29 Prozent).

Der Internationale Museumstag am 20. Mai wird in Lübeck, in diesem Jahr „Stadt der Wissenschaft“, zum „Tag der Wissenschaft“. Die Museen bereiten spezielle Führungen, Experimentierstationen und anderes vor.

Die Museumsnacht am 25. August steht unter dem Motto „Expeditionen“. An diesem Abend wollen die Museen Wissenschaft anschaulich machen.


Foto oben: Auf der Mitteltafel wird Maria ihre Schwangerschaft verkündet: Museumsdirektor Thorsten Rodiek vor dem van-Utrecht-Altar.

14.02.2012, PK

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