Trutz, Blanke Hans!
1362 versank das legendäre Rungholt. Rudolf Bahnsen sammelt, was davon blieb. Und prophezeit Rungholts zweiten Untergang.
Nein, die Geister der Toten besuchen ihn nicht im Traum, sagt Hellmut Bahnsen (Foto, 69). Die Toten von Rungholt, jener sagenumwobenen Handelsniederlassung, die vor rund 650 Jahren in der Nordsee versank, lassen ihn in Frieden. Aber er findet ihre Spuren, wenn er im Watt vor seiner Heimatinsel Pellworm danach sucht. Scherben, Knochen, Holz.
Da draußen, da waren die Warften. " Es ist schönstes Inselwetter, Sonne, leichter Wind. Bahnsen steht an der grünen Deichkante, hinter ihm blöken einige Schafe, vor ihm liegt das graue Watt. Schlickige Pfützen, in denen sich Wattwürmer kringeln, sandige Flächen, auf denen kleine Krabben, sogenannte Dwarslöper, seltsam flink zur Seite und rückwarts flitzen. Bahnsen streift die Schuhe ab, geht auf Strümpfen hinaus auf die unsichere Fläche, die bis zum Horizont reicht und bei Sturm zur brüllenden Naturgewalt wird. Manchmal ist die Nordsee tödlich. Die Rungholter schützte ihr Deich nicht, an jenem Tag des Jahres 1362, als die Sturmflut kam, die "Grote Mandränke".
Der Schädel eines Kindes, das wohl bei der großen Sturmflut von 1362 umkam. Bahnsen hat die ganze Familie ins Museum geholt.
Bahnsen bückt sich, hebt eine unscheinbare, dunkle Tonscherbe auf. "Die ist von einem mittelalterlichen Kochtopf", erklärt er. "Wenn was kaputt ging, haben die Bewohner es auf den Mist geworfen und später mit dem Dünger auf den Feldern verteilt. "
Ein kreisrundes Loch zeigt, wo der Brunnen der kleinen Siedlung war, die wohl aus fünf Häusern bestand. Es waren einfache, mit Stroh gedeckte Hütten. Die Menschen lebten vom Fischfang, aßen Miesmuscheln und Buchweizengrütze. "Reich waren sie sicher nicht", glaubt Bahnsen. Anders als Detlef von Liliencron (1844-1909) es in seiner Ballade "Trutz, Blanke Hans" beschreibt: "Die Sänften tragen Syrer und Mohren, Goldblech und Flitter in Nasen und Ohren. " Bahnsen grinst. Einen Topf mit Geld, den sucht er schon lange vergebens im Watt.
So könnte die mittelalterliche Siedlung ausgesehen haben, die einst vor Pellworm lag. Von Reichtum keine Spur.
Rungholt hat es wirklich gegeben. "Das ist nicht nur eine Phantasie", bestätigt Martin Segschneider (45) vom Landesamt für Vor- und Frühgeschichte in Schleswig. Das Amt untersucht und überfliegt das Watt regelmäßig. "Das ist Grabungsschutzgebiet. " Bahnsen aber hat eine Genehmigung von der Behörde. Er darf sammeln, aber nicht graben. "Alle Funde fallen an das Landesamt Schleswig", sagt Segschneider. Bahnsen darf sie trotzdem in seinem Museum zeigen, wenn sie von den Experten begutachtet und gegebenenfalls restauriert worden sind.
Viele hundert Stücke hat er in dem Schuppen neben seinem Haus am Deich. Die tönernen Kochgeräte der mittelalterlichen Rungholter, die prunkvollen Teller und Krüge der späteren Seefahrer und Kaufleute aus dem 17. Jahrhundert. Er findet es gut, dass niemand Altertümer mitnehmen darf, die er im Watt findet. "Das hier ist unsere Geschichte", sagt er.
Rungholts zweiter Untergang? "Alle Fundstellen im Wattenmeer sind durch Erosion gefährdet", konstatiert Archäologe Segschneider. Dagegen sind die Forscher machtlos. "Naturprozesse sind nicht aufzuhalten. "
14.06.2011, PK
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