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Scheine machen Geschichte: Lübecks eigenes Geld

Literatur

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Scheine machen Geschichte: Lübecks eigenes Geld

Über in der Hansestadt gedrucktes Geld war bislang nur wenig bekannt. Ein im Verlag Schmidt-Römhild herausgegebenes Buch beleuchtet nun diese Zeit.

 

Was für ein Szenario: Am Lohntag bekam der Mann in seinem Betrieb das Gehalt ausgezahlt - Bündel über Bündel Geld, ausgehändigt in einem großen Waschkorb. Am Pförtner warteten schon Frau und Kind, rissen dem Mann die volle Waschwanne aus den Händen und liefen damit schnell zum Einkauf in den nächsten Laden. „Was vom Geld am nächsten Tag noch übrig war, konnte man wegschmeißen, dann war es nichts mehr wert“, sagt Heinz Röhl.

HL_SCHEINE_GESCHICHTE_Asmus_300x191Den 50-Pfennig-Schein entwarf der Künstler und Lehrer Asmus Jessen 1921 im Auftrag der Stadt. Abbildungen: Lübecks Papiergeld im 19. und 20. Jahrhundert

Eine ausgedachte Szenerie sei das aber nicht gewesen, erklärt der 75-Jährige. Denn in den Jahren der deutschen Inflation von 1918 bis 1923 seien sie Realität gewesen. Die Preise, etwa von Lebensmitteln, stiegen Tag für Tag um ein Vielfaches, das Geld verlor seinen Wert. So hat ein Brötchen 1923 etwa 4,5 Milliarden Mark gekostet, eine Zeitung 200 Milliarden. Kein Wunder, dass die Wäschekorbszenarien an der Tagesordnung waren.

Fünf Jahre hat Röhl mit seinem Kollegen Jan Romanowski in Archiven gestöbert, Kollegen besucht, private Sammlungen unter die Lupe genommen. Herausgekommen ist nun ein Buch: „Lübecker Papiergeld im 19. und 20. Jahrhundert“, das sie im Lübecker Verlag Schmidt-Römhild veröffentlicht haben. In ihrem Werk beleuchten die Autoren einen kleinen Teil der etwa 250 000 verschiedenen deutschen Scheine - vor allem die, die in Lübeck erschienen sind. Die Recherche sei schwierig gewesen: „Von einigen Exemplaren gibt es nur noch ein einziges Original.“

HL_SCHEINE_GESCHICHTE_Flender_300x168Ganz kreativ waren die Gestalter der Flender-Werft. Auf dem Notgeldschein ist nicht nur der Wert zu erkennen, sondern auch die Firma.

Zum Thema ist der Lübeck-Forscher, der bereits einige Bücher herausgebracht hat, eher zufällig gekommen. Münzen sammle er schon lange, Banknoten kamen im Laufe der Zeit dazu. „Ich bin kein unbeschriebenes Blatt, da läuft einem nichts zufällig über den Weg“, sagt er lachend. Der Stein des Anstoßes sei letztlich aber ein Freund gewesen, der sich erinnerte, dass einige Firmen in Lübeck nach dem Ersten Weltkrieg eigenes Geld herausgebracht hätten. Direkt an der Quelle hat dabei Co-Autor Jan Romanowski gesessen, der in der Landeszentralbank Kiel arbeitet. Dort gibt es eine historische Geldscheinsammlung. „Wir haben uns zusammen ins Abenteuer gestürzt“, erzählt Romanowski.

HL_SCHEINE_GESCHICHTE_Hochofen_300x194Auch das Hochofenwerk gab eigene Scheine heraus, die die Mitarbeiter anstelle des Gehaltes erhielten. Diese lösten sie beim Kaufmann ein.

Vor allem die Notgeld-Perioden haben Röhl und Romanowski ausführlich beleuchtet. Während und nach den Weltkriegen reichten die vom Staat ausgegebenen Geldscheine nicht aus. Für Gehaltszahlungen und Einkäufe mussten Ersatzzahlungsmittel her. 31 Lübecker Firmen, aber auch Banken, haben zwischen 1917 bis 1923 dieses Notgeld in Form von Scheinen, Gutscheinen und Schecks ausgegeben, etwa das Hochofenwerk oder Brückenbau Flender. Teilweise mit einem Wert von mehreren Millionen Mark - pro Schein. Damit konnten die Menschen dann einkaufen gehen. „Der Kaufmann hat diese Scheine bei der Bank eingelöst“, erzählt Heinz Röhl. Denn das Geld sei ja auf dem Konto vorhanden gewesen - die Reichsbank habe den Bedarf an Banknoten nur nicht decken können. Deshalb einigten sich schließlich das Berliner Finanzministerium und Lübecks Finanzbehörde darauf, dass Scheine in Lübeck speziell für Lübecker gedruckt werden. Die Kosten teilten sich die Institutionen. Bei der Gestaltung hatten die Firmen freie Hand. Und so zierten die Banknoten nicht nur Zahlen, sondern auch Bilder der Flender-Werft.

HL_SCHEINE_GESCHICHTE_Papiergeld_150x218„Lübecks Papiergeld im 19. und 20. Jahrhundert“ (185 Seiten) von Heinz Röhl und Jan Romanowski ist für 14,80 Euro erhältlich.

Aber auch das Kleingeld war knapp in dieser Zeit. Die Lübecker horteten laut Röhl ihre Silbermünze. „Die fehlten dann der Stadtkasse als Wechselgeld.“ Um neue zu pressen, reichte die Zeit nicht. Weil das ein städtisches Problem war, beteiligte sich das Finanzministerium nicht an einer Lösung, die Stadt musste in die Tasche greifen - und Pfennig-Scheine drucken lassen. Herausgekommen sind etwa die schwarz-rot-gestalteten 50-Pfennig-Wechselscheine des Künstlers und Lehrers Asmus Jessen. Von denen lagern laut Röhl noch etliche unausgepackt im Lübecker Stadtarchiv.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg fehlten Scheine und Münzen - und wieder kam Notgeld zum Einsatz. Das wurde fast vollständig vernichtet, nachdem es nicht mehr gebraucht wurde. (Text: Annekatrin Staub, Abbildungen: Lübecks Papiergeld im 19. und 20. Jahrhundert)





Foto ganz oben: Als das Notgeld seinen Wert verlor, wurde es vernichtet. Um Fälschungen zu verhindern, wurden die Scheine oft verändert.

21.12.2011, PK

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