Petra Oelker: Die Nacht des Schierlings
Die Hamburgerin Petra Oelker hat den lokal verankerten historischen Kriminalroman erfunden. Ihr zehnter Band liegt jetzt vor.
Hamburg - Das Attribut "Mutter" mag sie nicht, doch sie muss es aushalten: Petra Oelker ist nun einmal die Mutter des historischen Kriminalromans. Als der Rowohlt-Verlag 1997 den ersten Oelker-Band mit dem Titel "Tod am Zollhaus" herausbrachte, da sagte die Autorin noch im Vertrauen, sie habe endlich etwas veröffentlichen wollen, was auf jeden Nachttisch passt. Nach etlichen ehren- und niveauvollen Versuchen mit Sachbüchern - herausragend ihre Biografie der Schauspiel-Pionierin Friederike Caroline Neuber, "Nichts als eine Komödiantin" - ließ Petra Oelker nun Rosina, auch sie eine Komödiantin, im Hamburg des 18. Jahrhunderts Mordfälle lösen. Sie täuschte sich über ihre Fähigkeiten - sie kann gar keinen Trivialroman schreiben. "Tod am Zollhaus" wurde ein Bestseller wie die Folgebände. Mit dem Ehrentitel "Hamburgs erfolgreichste Romanreihe" bewirbt der Verlag heute Oelkers Bücher. Sie hat zahlreiche Nachahmer gefunden. Sogar ihr eigener Verlag gibt weitere Reihen mit Kriminalgeschichten heraus, die erstens in vergangenen Jahrhunderten und zweitens in einem klar definierten sozialen und regionalen Rahmen spielen. Doch die Generika konnten das Markenprodukt nicht verdrängen. Oelkers Bücher sind Longseller, sie liegen vom ersten Band an in Reih’ und Glied bei den großen Buchhandlungen in ganz Norddeutschland.
Krimis aus Norddeutschland
Die Tätersuche zwischen Salon und Kontor, Börse und Kaffeehaus, Theaterbühne und armseligem Gängeviertel ist jedes Mal nicht nur ein dramatisches Forschen nach Indizien und Täterschaft, es ist auch ein Eindringen in die ökonomischen und kulturellen Gegebenheiten jener Zeit. Das ergibt vielschichtige Panoramen mit einem Personal, "das alles mögliche, bloß nicht niedlich sein darf", wie die Autorin beteuert. Gerade im strengen Realismus, der auch die Arbeitswelt und das karge Dasein der niederen Stände nicht auslässt, unterscheiden sich Oelkers von den Epigonen.
Nun ist der zehnte Rosina-Band erschienen. Und wieder enthält er eine Oelker-Lehrstunde. Das Zuckerbäcker- und Apothekerwesen in jener Hochphase der Aufklärung spielt in "Die Nacht des Schierlings" eine zentrale Rolle. So wird der Leser ganz nebenbei darüber aufgeklärt, welche Gewürze den Hamburger Konfekt im Jahr 1773 schmackhaft machten und welche Rolle für den Pharmakologe der gemeine Augentrost - Euphrasia officinalis - spielte.
Ist sie über dem Bücherschreiben zur Expertin für diese Epoche geworden? "Das würde ich nie sagen", schreckt sie zurück. "Bei jedem Buch erfahre ich selbst wieder mehr - aus Briefen, Dissertationen, aus Archiven. " Petra Oelker schreibt nach wie vor auch andere Bücher, Romane die im Heute spielen (zum Beispiel "Tod auf dem Jakobsweg", eine kriminalistische Erkundung, bevor Hape Kerkeling vorbeikam), immer wieder auch Sachbücher. Das Leben der Eva Lessing hat sie nach umfangreichem Quellenstudium aufgeschrieben. "Ich küsse Sie tausendmal", die Biografie der Frau, die in zweiter Ehe Gotthold Ephraim Lessing heiratete, ist das Porträt einer emanzipierten Dame im 18. Jahrhundert geworden. Doch die Geschichten über Rosina, den Großkaufmann Claes Herrmanns und den Weddemeister Wagner (die Wedde war bis ins 19. Jahrhundert die Polizeibehörde Hamburgs) sind noch lange nicht zuende erzählt. "Zu denen kann ich immer zurückkehren", sagt ihre Erfinderin, "die sitzen da und warten. Sie sagen: Da ist wieder etwas passiert . . . "
Für diejenigen unter den Lesern, die bedauern, dass Oelkers Rosina im Lauf der Jahre bürgerlich geworden ist, zwei Sätze vom Schluss des neuen Bandes: "Rosina, für die meisten längst Madame Vinstedt war auf die Bühne zurückgekehrt. Ob nur für diesen Abend oder auch für die Zukunft - das würde sich erweisen." (Text: Michael Berger, Foto: LN-Archiv)
Ermittlung zwischen Konditorei und Apotheke
Hamburg 1773: Konditormeister Bruno Hofmann liegt eines Morgens tot im Fleet mit dem Gesicht im Schlamm. Der Weddemeister glaubt nicht an einen Unfall. Hofmann war zu Lebzeiten ein windiger Kerl, vielleicht sogar ein Mitgiftjäger. Wer wollte ihm ans Leben? Verdächtigt wird ausgerechnet der honorige Kaufmann Claes Herrmanns. Er muss erfahren, wie flüchtig sein Ansehen ist. Rosina Vinstedt, ehemalige Komödiantin, geht mit dem Weddemeister auf die Suche nach dem Mörder. Die führt sie auch in die Apotheke im Opernhof, wo merkwürdige Experimente stattfinden. Petra Oelker, 1947 in Cloppenburg geboren und seit langem Überzeugungshamburgerin, erzählt in ihrem zehnten Rosina-Band wie gewohnt mit präziser Zeit- und Sachkenntnis aus dem alten Hamburg der Kaufleute und armen Schlucker. Der studierten Sozialpädagogin und gelernten Journalistin gelingt es wieder, einen großen Spannungsbogen aufzuziehen. "Die Nacht des Schierlings", Rowohlt, 480 Seiten, 9,95 Euro.
22.12.2010, PK
|