Ratzeburg: Zweiter Bildband über die Kreisstadt
Der Kunsthistoriker und Mitarbeiter des Kreismuseums Horst Otto Müller stellt zweiten Bildband über Kreisstadt vor.
Ratzeburg - Er habe sich lange geziert, gesteht Horst Otto Müller. Nach dem Erfolg des Bildbandes „Ratzeburg“, der 2003 im Sutton Verlag erschienen war, hatte er befürchtet, nur einen „zweiten Aufguss“ zu bereiten. Doch weitere Foto-Funde und Überlassungen aus Privatbesitz ließen ihn umdenken. Immerhin betreut das Kreismuseum in seiner „Fotothek“ 70 000 Glasplatten- und Zelluloidnegative mit Motiven aus der Kreisstadt. Wichtig war es Müller, den städtebaulichen und sozialen Wandel Ratzeburgs zu dokumentieren.

Feierlichkeiten zum letzten Bautag der „Kaiserbahn“ zwischen Hagenow und Bad Oldesloe am 14. August 1897 am Ratzeburger Bahnhof.
„Ich bin weniger interessiert an den damals beliebten Ansichtskarten“, erzählt Müller. Allenfalls ein halbes Dutzend dieser „AK“ habe Eingang in den zweiten Band gefunden. Wichtiger seien für ihn Fotografien - durch die Übernahmen der Bestände der Ratzeburger Fotografen Albert Hannig (1889-1970) und Edvard Lassen (Hofphotograph um 1900) oder anderer privater Sammler und Besitzer verfügt das Kreismuseum über einen wahren Schatz. Diese alten Motive bestehen überwiegend aus Glasplattennegativen in den Formaten 18 mal 24. „Die Fotos waren dann keine Vergrößerungen, wie wir sie aus den letzten Tagen der Analog-Fotografie noch kennen, sondern Kontaktabzüge. Entsprechend hervorragend ist die Qualität - knackescharf!“, schwärmt Müller. Bei Vergrößerungen und Detailansichten treten bei diesen Bildern oftmals überraschende Ergebnisse zutage, die insbesondere den Historiker jubeln lassen.
Luftbild um 1930 von der Vorstadt, vorn der Schwalkenberg.
Entsprechend deutlich sind dann allerdings auch Manipulationen erkennbar, die manch Fotograf im Nachhinein vornahm. So Edvard Lassen im Jahr 1893. Der extrem trockene Sommer führte damals zu heftigen Wärmegewittern. Ein Blitzeinschlag setzte im August den Ratzeburger Dom in Brand. Unglücklicherweise war Fotograf Lassen an dem Tag nicht in der Stadt. So sah er sich veranlasst, später ein Bild des teilweise zerstörten Doms zu fotografieren und das Dach sowie die Rauchschwaden anschließend hinein zu retuschieren. Dem Verkauf diente es, obwohl es kein „echtes“ Zeitzeugnis war.
Eigene Renovierungen sieht Müller dagegen nicht als verwerflich. „Viele alte Fotos haben physikalische, chemische und biologische Schäden - Risse, Kratzer, Knicke, Fliegenkot, Aussilberungen der Fotoschicht, Pilzbewuchs, Stockflecken oder Fettreste.“ Digitale Restaurationen an den „optischen Informationsangeboten“, wie Müller diese Fotos nennt, sei durchaus ein verantwortliches Umgehen mit dem Material, würde er doch nur „dasjenige wiederherstellen, was ich als Willen des Fotografen vermuten durfte“.
Unfall an Einmündung Jäger- in Schweriner Straße.
Was die Motivauswahl betrifft, habe er versucht, „Häufigkeitsmotive“ zu vermeiden. „Bildmäßig habe ich mich um eine Verschränkung bemüht: Wie sieht der Tourist Ratzeburg, wie erlebt es die Bürgerin oder der Bürger?“ Faszinierend seien vor allem Unfallfotos, weil diese oftmals Ecken der Stadt zeigten, die auf den üblichen Fotos oder Karten nie vorkommen würden. Insofern lassen sich in diesem Band „Ratzeburg im Wandel“ wieder viele interessante Fotos mit versteckten Informationen über die Stadt und ihre Zeiten ausmachen. (Text: Joachim Strunk, Fotos: Kreismuseum)
Buch und Autor
„Ratzeburg im Wandel“ ist der zweite Fotoband der Kreisstadt nach „Ratzeburg“ (2003) aus der Reihe Archivbilder des Sutton Verlages in Erfurt. Das Buch mit der ISBN-Nummer 978-3- 86680-906-2 hat 225 Abbildungen auf 128 Seiten und kostet 18,95 Euro.
Horst Otto Müller (58) lebt seit mehr als 25 Jahren in Ratzeburg. Der promovierte Kunsthistoriker ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Kreismuseum, wo er für die Fotothek zuständig ist.
Foto ganz oben: Ein Blitzeinschlag setzte im August 1893 den Ratzeburger Dom in Brand. Just an dem Tag war der Ratzeburger Fotograf Edvard Lassen nicht in der Stadt. Aufgrund der Nachfrage entschloss er sich daher, in eine Aufnahme des teilzerstörten Doms den Brand hinein zu retuschieren.
04.02.2012, PK
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