Ein Rufer in der Literatur-Wüste
Salemer Herausgeber Dieter Kroeg lässt Romanautoren mit abseitigen Themen und Thesen zu Wort kommen, die bei anderen Verlagen kaum eine Chance zu einer Veröffentlichtung hätten.
Als „Prediger in der Wüste" wird gemeinhin jemand verstanden, der andere Menschen vergeblich oder unbeachtet mahnt. Dieter Kroeg sieht sich gewissermaßen auch als ein solcher Rufer in der Wüste - interpretiert diesen Spruch, der ursprünglich auf Johannes den Täufer, zurückführt, aber eher so, dass er zwar ein einsamer Verkünder ist, der aber durchaus im Besitz einer Wahrheit ist - auch wenn diese von der Allgemeinheit in diesem Moment nicht erkannt wird.
Dieter Kroeg (64) an seinem Arbeitsplatz in Salem mit dem ersten Buch.
Ein eigener Verlag
Insofern hat er sich im vergangenen Frühjahr entschlossen, einen eigenen Verlag, den „Wuestenrufer Verlag", zu gründen. „Ich habe lange im Ausland, speziell in Afrika gelebt und die Bedingungen dort vor Ort selbst miterlebt. Es gibt so viele Wahrheiten, vor allem auch abseits der politisch korrekten. Und ich habe mir gedacht, ich gebe denen eine Chance, sich zu äußern, die in den etablierten Verlagen keine Chance bekommen, weil ihr Thema möglicherweise nicht dem Main-Stream entspricht, nicht stromlinienförmig gestaltet ist."
Kein Verdienst
Ein Verwandter, der einst in der DDR lebte, habe ihm nach 1990 versucht zu erklären, warum und wieso er sich beruflich so oder so verhalten habe und ihn auch um seine Meinung gebeten. „Dazu habe ich ihm mit den Worten des deutschen Schriftstellers und Philosophen Ernst Jünger geantwortet: Hundert Schritt jenseits der Grenze zu wohnen, zehn Jahr später geboren zu sein, dem Tyrannen nicht genügt zu haben - das lässt sich den guten Aspekten zurechnen, ist aber noch kein Verdienst, geschweige denn ein moralisches Plus."
Zu jung für den Ruhestand
Kroegs Vater war Drucker- und Schriftsetzermeister in Ratzeburg. Eigentlich stamme die Idee, einen eigenen Verlag zu gründen, von ihm. Als Dieter Kroeg im vergangenen Mai „in Rente" ging, fühlte sich der Salemer für einen geruhsamen Lebensabend noch zu jung. Und so hat der belesene 64-Jährige seine private Leidenschaft zum zweiten Beruf gemacht: Er wurde Verleger.
Große Bandbreite
Wie in seinem vorherigen Beruf (siehe Text unten links) begann er planmäßig und überlegt: Zuerst wurde im Juni 2011 der Verlag gegründet. Zeitgleich machte er im Internet Werbung, rief potentielle Autoren auf, sich zu melden. „Wir sind auf Romane und Tatsachenberichte oder auch (Polit-)Thriller spezialisiert. Reise- oder Fachliteratur verlegen wir genauso wenig wie Biographien." Zu seinem „Mitarbeiterstab" gehört seine berufstätige Frau Ingrid, die ihm nebenbei hilft, die eingesandten Manuskripte zu sichten und zu bewerten, ein Lektor in Lübeck und ein Grafiker in München.
Zehn Manuskripte pro Woche
Es begann vielversprechend. Mit Becca al-Badri, einer Deutsch-Palästinenserin, hatte Kroeg schnell eine Autorin mit einem interessanten Roman-Thema gefunden. „Im Durchschnitt treffen etwa zehn Manuskripte in der Woche bei uns ein", erzählt Kroeg. Das sind kurze Exposes über das Buchthema von zwei, drei Blättern plus etwa 30 Manuskript-Seiten, „damit wir den Stil erkennen", erklärt er weiter. Das erste Werk „Die Kuppel" ist bereits nach knapp drei Monaten im vergangenen September erschienen. In einer Auflage von 1000 Stück sind bisher mehr als 600 Taschenbücher zum Preis von 14,90 Euro verkauft.
Eigener Webshop
„Nach dem Sichten und Bewerten ging das Manuskript zum Lektor, anschließend zu einem zweiten Bearbeiter zur Deutsch-Prüfung. Danach habe ich mir über das Internet europaweit eine günstige Druckerei gesucht - und in Tschechien gefunden", erzählt Kroeg. Das Buch ist über einen eigenen Webshop und den Buchhandel zu beziehen, „in den regionalen Buchhandel sind wir erst vor kurzem eingestiegen". Den Internet-Buchhändler Amazon hat Kroeg allerdings nicht mit in seine Vertriebsschiene einbezogen.
E-Books
Kroeg will am Paperback-Druck festhalten - zumindest in der ersten Zeit „mit 1000 bis 2500 Stück je Ausgabe". Den Fokus setzt er allerdings auf das digitale Publishing, auf E-Books: Literatur, die man aus dem Internet auf so genannte Tablet-Computer herunterlädt und dann auf den etwa Din-A-4-großen Bildschirmgeräten liest. „In den USA werden schon mehr als 50 Prozent der Bücher als E-Books verkauft. Deutschland hinkt der Entwicklung wie gewohnt um einige Jahre hinterher." Kroeg ist sich aber sicher, dass diese Entwicklung Fahrt aufnimmt. Immerhin hat er - natürlich auch aufgrund verstärkter Internet-Werbung - schon rund zehn Prozent von „Die Kuppel" als E-Book verkauft.
Dichter Markt
Seine Autoren sind bisher unbekannte Schriftsteller. „Der Markt ist überfüllt. Und in den Verlagen sitzen Leute, die eine bestimmte Linie fordern. Wer dieser Stromlinie nicht entspricht, hat schlechte Karten", weiß Kroeg. Auf solche enttäuschten Autoren hofft er. „,Der Name der Rose? von Umberto Eco ist elfmal von den Verlagen abgelehnt worden, Joanne K. Rowling mit ihrem ,Harry Potter? sogar noch öfter." Beide Bücher wurden später Welterfolge und absolute Bestseller.
Seriosität
„Wir nennen uns auch Fair-lag. Weil wir von unseren Autoren keine Zahlungen erwarten, wie viele andere unseriösen Anbieter im Bereich Books-on-Demand. Wenn wir einen Vertrag abschließen, ist dieser vom Deutschen Schriftstellerverband ausgearbeitet. Und auch bei möglichen Zweitverwertungen wie Filmrechten werden unsere Schriftsteller beteiligt", so Kroeg.
Soziale Netzwerke
Die Werbung für seine Bücher will Kroeg ab dem kommenden Jahr auch im Buchhandel und über die (Fach-)Presse angehen. Mehr Gewicht legt er aber auf das Internet. Etwa in den so genannten Blogs, den Web-Tagebüchern und -Diskussionsrunden. Und über die sozialen Netzwerke wie Facebook. „Wir ermöglichen beispielsweise unseren Probelesern direkt mit den Autoren in Kontakt zu treten und zu kommunizieren. Und wenn dies über Facebook geschieht, kann das im Prinzip jeder mitlesen", hofft Kroeg. „Zumindestens entsteht ein Schneeballeffekt, der die Bücher immer weiter bekannt macht."
http://wuestenrufer-verlag.de
27.01.2012, PK
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