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Das Kleine Gewandhaus in Lübeck

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Das Kleine Gewandhaus in Lübeck

Ob Brautkleider oder Latzhosen: Die Schneiderinnen des „Kleinen Gewandhauses“ in der Glockengießerstraße fertigen Kleidung nach Maß. Im Mai feiert der Jugendbetrieb des Bali/JAW sein zehnjähriges Jubiläum.

 

 

Glückliche Frauen in schönen Kleidern lachen von den Fotos im Regal des „Kleinen Gewandhauses“. Die aufwendigen Kreationen stammen alle aus der Hand der Gewandhaus-Schneiderinnen. Nach den Wünschen der Kunden fertigen Andrea Lehnen, Bozena Cioch und Amrei Nitsch Kleidungsstücke für den gewünschten Anlass und schrecken auch vor großen Designer-Namen nicht zurück. Im letzten Jahr wollte eine Braut unbedingt so ein Kleid haben, wie es Pippa Middleton bei der englischen Prinzenhochzeit getragen hat. Kein Problem für die tapferen Schneiderleine aus der Glockengießerstraße, die ihre Version des Alexander McQueen-Kleids schufen.

Bald "Zehnjähriges"

Ob Bräute oder Handwerker, denen die geliebte Latzhose zu eng geworden ist: Die Schneiderinnen des „Kleinen Gewandhauses“ machen die unterschiedlichsten Kunden glücklich. Im Mai feiert die ungewöhnliche Schneiderei ihr zehnjähriges Bestehen. Bereits 1985 hatte Lehnen die Idee, einen Jugendbetrieb zu gründen, der selbstständig von Schneidergesellinnen geleitet wird, die im Berufs- und Ausbildungszentrum Lübeck-Innenstadt (Bali/JAW) ausgebildet wurden. Denn viele hätten danach keine Stelle gefunden. „Das erste Gesellenjahr ist das schwierigste“, erklärt die Gewand- und Schneidermeisterin. „Sie sollten lernen, selbstständig zu laufen.“

Eigentlich wollte sie Krankenschwester werden

17 Jahre später nahm der Jugendbetrieb seine Arbeit auf. „Lübeck lebt von den kleinen Läden“, sagt die Bali/JAW-Ausbilderin. „Ohne uns wäre es hier nicht so bunt.“ Farbenfroh geht es in dem Geschäft in der Altstadt auf jeden Fall zu. Auf einem Ständer hängt ein rotes Seidenjäckchen mit Schmetterlingen, ein leuchtend grünes Kleid sticht zwischen anderen Stücken an der Stange hervor. Auszubildende Amrei Nitsch arbeitet gerade an einem blau-glitzernen Kostüm für das Theater Partout. Seit eineinhalb Jahren lernt die 23-Jährige im „Kleinen Gewandhaus“. „Ich wollte eigentlich Kinderkrankenschwester werden, aber die Ausbildung hat mir nicht gefallen“, sagt Nitsch.

Geduld ist wichtig

Zum Start des Jugendbetriebs führten zwei Gesellinnen den Laden eigenhändig. Nach dem Wegfall der beiden Stellen vor fünf Jahren bildet das Gewandhaus stattdessen nun aus, zudem können Praktikanten hier Berufserfahrung sammeln. Amrei Nitsch ist die dritte Auszubildende in der Glockengießerstraße. „Man sollte als Schneiderin Geduld haben“, sagt Nitsch und fügt lachend an: „Das klappt aber nicht immer.“ Nach ihrer Ausbildung will sie mehr in Richtung Design gehen. „Ich möchte nicht das machen, was die Kunden wollen, sondern sie sollen das kaufen, was ich mache.“ Andrea Lehnen dagegen ist Maßschneiderin durch und durch. „Ich finde das klasse“, sagt die 51-jährige Betriebsleiterin. Die Lübeckerin nimmt sich gern Zeit für ihre Kunden, um mit ihnen in Ruhe das Aussehen des Kleidungsstücks zu besprechen.

Die Chemie muss stimmen

In den Anfangszeiten fertigten die Gewandhaus-Schneiderinnen noch verstärkt nach den Entwürfen der Designerinnen Kirsten Lorenz und Constanze Samson, inzwischen schneidern sie mehr nach Wünschen ihrer Kunden. „Das ist etwas sehr Intimes“, sagt Lehnen. „Da muss die Chemie stimmen.“ Für Kirsten Lorenz näht das Gewandhaus nach wie vor, fertigt zum Beispiel Prototypen von Hochzeitskleidern an.

Faible für Mäntel

Zu ihren Auftraggebern gehören auch verschiedene Theater, die Musikhochschule oder das Lübecker Tanztheaterprojekt. Im Februar begannen die Arbeiten für das neue Stück „Lara Lachs“, über 100 Kostüme hatten sie im vergangenen Jahr für „Annas All Tag“ geschaffen. Es ist diese Kreativität, die Lehnen und Cioch an ihrer Arbeit im Gewandhaus schätzen. „Ich mache sehr gern Abiballkleider“, sagt Schneidermeisterin Cioch, die wie ihre Kollegin als Ausbilderin bei Bali/JAW arbeitet. Lehnen hat seit zwei, drei Jahren ein Faible für Mäntel entwickelt. Auch in Zeiten der Wirtschaftskrise haben die Schneiderinnen gut zu tun. „Ich habe das Gefühl, dass die Leute noch einmal etwas von ihrem Geld haben wollen“, sagt Lehnen. Für die ferne Zukunft wünscht sie sich, dass das Gewandhaus weiter bestehen bleibt, einen jungen Nachfolger oder Nachfolgerin und eine erweiterte Herrenkollektion.

Kongress im Herbst

In diesem Jahr steht aber erst einmal das Jubiläum an, das mit einer Modenschau beim Straßenfest im Sommer in der Glockengießerstraße gefeiert werden soll. Außerdem veranstaltet Bali/JAW vom 31. Oktober bis 3. November einen Kongress mit Teilnehmern aus sieben europäischen Ländern in Lübeck. „Wir tauschen uns innerhalb von Europa aus, damit die Schneiderkunst hier nicht ausstirbt und alles in Asien landet“, erläutert Lehnen. Schließlich soll es auch in Zukunft Mode made im „Kleinen Gewandhaus“ aus Lübeck geben. (Text: Julia Konerding, Foto: Lutz Roeßler)

www.kleinesgewandhaus.de

Breitgefächertes Maßnahme- und Projektangebot


Das Berufsvorbereitungs- und Ausbildungszentrum Lübeck Innenstadt (Bali) ist eine Bildungseinrichtung der Hansestadt und Mitglied im Verbund des Jugendaufbauwerks Schleswig-Holstein (JAW). Träger ist der Bürgermeister. Das Bali/JAW bietet ein breitgefächertes Maßnahme- und Projektangebot für Jugendliche und junge Erwachsene an. Jugendliche, die keine Ausbildung gefunden haben, erhalten hier eine vom Arbeitsamt geförderte Ausbildung zum Beispiel als Bau- und Metallmaler, Werker im Gartenbau oder als Beikoch. Das „Kleine Gewandhaus“ ist der erste Jugendbetrieb des Bali/JAW. Er ist ein Betrieb gewerblicher Art, „der sich rechnen muss“.



Foto oben: Hergestellt im „Kleinen Gewandhaus“: Die Schneidermeisterinnen Andrea Lehnen (51, l.) und Bozena Cioch (46) präsentieren ein grünes Kleid, im Hintergrund arbeiten Auszubildende Amrei Nitsch (23, l.) und Praktikantin Olga Suvorov (33).

14.02.2012, PK

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